"Achtung an Gleis 3, Ihr Zug fährt jetzt ab. Vorsicht beim Schließen der Türen!", dröhnte eine grelle Frauenstimme aus den Lautsprechern. Es war jetzt genau vier Uhr zweiunddreißig in der Frühe und ich saß übermüdet, frierend auf irgendeiner hölzernen Bank unter dem grauen Vordach des Hamburger Hauptbahnhofs. Geradeaus nach oben auf die Straße schauend, sah ich das große Saturn-Logo leuchten.
"Die Liebe ist ein wildes Tier, sie atmet dich und sucht nach dir", tönte Rammstein aus meinen Stöpseln. Ein paar Zeilen weiter hieß es: "Lässt sich fallen weich wie Schnee, erst wird es heiß, dann kalt, am Ende tut es weh." Ich war hin- und hergerissen. War es nicht die verdammte Liebe, die mich jetzt hier sitzen ließ und mich zum Zweifeln brachte. Ich hätte alles für sie getan. Stunden meines Lebens hatte ich chattend mit ihr verbracht, ihr mehr und mehr alles anvertraut, was mich bewegte und ich für wichtig hielt. Sogar meine Meinung bei bestimmten Themen hatte ich nach Gesprächen mit ihr geändert! Ich hatte zugehört und richtiges Einfühlungsvermögen gezeigt. "Beziehung nein, aber gute Freundschaft ja", hatte sie mich abgespeist.
"Erst wird es heiß" - und ja, es war heiß. Sie war mir eines Tages in der Schule begegnet und hatte mich um Hilfe gebeten. Sie wollte wissen, wo sie die Dunkelkammer finden könne. Es war purer Zufall, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, denn ich war auf dem Weg zum Hausmeister, um Kreide für den Matheunterricht zu holen. Von da an wurde mein grauer Schulalltag durch ihre Erscheinung erhellt. Schnell bekam ich ihren Namen heraus und es dauerte nicht lange, bis ich sie in meiner ICQ-Liste hatte. Wir schrieben fast täglich, mindestens eine Stunde, meistens zwei und an Wochenenden pro Tag oftmals sogar 3 Stunden. Durch die Dateiaustauschfunktion ICQs lernte ich ihren und sie meinen Musikgeschmack kennen.
"Dann kalt" - kalt wurde es, als ich erfuhr, dass sie einen anderen liebte. Hatte ich alle Zeichen falsch interpretiert, war ich blind vor Liebe? Und noch viel schlimmer: Haben sich auch meine besten Freunde geirrt? Schließlich hatte sie doch Briefe und Karten geschickt und mich auch häufiger besucht.
"Am Ende tut es weh" - es tat ziemlich weh, dass ich mir eingestehen musste, dass zwischen uns nie etwas laufen würde. Es war wohl zu optimistisch, von mir zu glauben, dass ich sie von mir überzeugen könne. Obwohl die Karten zu Anfang gut standen, hatte ich am Ende mal wieder den schwarzen Peter. Wäre es das erste Erlebnis dieser Art gewesen, hätte ich mir gesagt: "Gut, komm und versuch es noch einmal". Aber es war nicht das erste Mal und langsam bin ich richtig deprimiert.
Schrill pfiff es vom hinteren Teil des Zuges, die Türen knallten zu und der Zug rollte gemächlich Fahrt aufnehmend an mir vorbei. Einen Moment lang wünschte ich mir, ich wäre eingestiegen. Doch der Zug war für mich abgefahren, als wollte er mir sagen: "Es bringt nichts wegzulaufen, du musst bleiben und abwarten. Eines Tages wirst Du die Richtige kennen lernen und alles nachholen, was du bis jetzt im Thema Liebe verpasst hast!"