Hamburg Hauptbahnhof, Freitagnacht, 22 Uhr 43, 2 °C. Langsam ebbt der Zugverkehr ab. Die Reisenden, die aus den Zügen strömen, begeben sich auf den Heimweg. Für einige ist nun wirklich Wochenende, während für andere nur ein wenig freie Zeit bleibt. Zeit für die Familie, den Sport oder das Hobby.
Wer am Wochenende nur scheinbar frei hat, ist meistens tief verwogen in ein Konstrukt, das von vielen gerne mit dem Begriff Leistungsgesellschaft betitelt wird. Der Grund für diese Leistungsgesellschaft muss in der Globalisierung gesehen werden. Dennoch ist es nicht ratsam, die Globalisierung als einzigen Grund für diese Form von Gesellschaft anzusehen. Bei genauem Hinsehen kann festgestellt werden, dass der Begriff Leistungsgesellschaft falsch ist. In einer solchen Gesellschaft müsste es per definitionem möglich sein, durch persönlich erbrachte Leistung, meistens im Wettbewerb zu anderen, eine soziale Stellung einzunehmen.
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In unserer Leistungsgesellschaft, die schon lange keine mehr ist, gelingt genau dies nicht. Besonders krass ist dies in der Wirtschaft zu beobachten: Die deutsche Wirtschaft wird von 3,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen und Selbstständigen geprägt. Doch die Politik wird von den Großunternehmen beeinflusst! Diesen Unternehmen kann man in Bezug auf den Standort D ohne Weiteres den Begriff Mitnahmementalität zuweisen. Zuerst werden für die Ansiedlung däftige Subventionen kassiert, daraufhin starke Gewinne eingestrichen. Folgen nach einiger Zeit nicht mehr zweistellige Wachstumsraten, wird die Politik mit Arbeitsplätzen erpresst und hilft dies nicht, wird ins Ausland verlagert. Zur Mitnahmementalität muss demnach noch der Begriff Profitgier hinzugefügt werden.
"Nichts geleistet, aber gut abkassiert", lässt sich dazu nur sagen. Wer erfolgreich sein will, muss skrupellos sein. Darf so etwas angehen? Die kleinen und mittleren Unternehmen und Selbstständige sind es, die oftmals am deutlichsten merken, dass Ehrlichkeit zwar am längsten währt, aber genau genommen keine Beachtung findet. Diese Unternehmer sind - abgesehen von ein paar schwarzen Schafen, die es sicherlich auch geben wird - wahre Idealisten!
Festzuhalten ist, dass ein Aufstieg - bildlich gesprochen - vom Tellerwäscher zum Millionär in wenigen Ausnahmefällen zwar möglich ist, aber mit ehrlich erbrachter Leistungs nichts gemein hat. Trotzalledem haben redliche Unternehmer einen Vorteil: Sie können mit ruhigem Gewissen an diesem Wochenende schlafen gehen. 23 Uhr, nur noch 1 °C, in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs schließen nun die meisten Gastronomiebetriebe.