Bis heute leisteten über acht Millionen Männer in der Bundeswehr ihren Wehrdienst. Sie lernten in der "Schule der Nation" den Umgang mit Waffen, sich im Gelände zu bewegen und Hemden auf DIN-A4 zu falten.
Nun steht die Wehrpflicht kurz vor einer Aussetzung und damit defacto vor der Abschaffung. Unter vorgehaltener Hand wird in den zuständigen Ministerien auch schon ein Termin gehandelt: Der 01.07.2011 soll der Anfang vom Ende sein.
Auch wenn die Wehrpflicht in der heutigen Zeit und bei der vorherrschenden Sicherheitslage ihren Sinn eingebüßt hat, gab es doch vieles, was für sie sprach.
Was alle Bundeswehr-Soldaten – ob Heeres-, Luftwaffen oder Marinesoldaten – verbindet, ist die Tatsache, dass sie die Allgemeine Grundausbildung über sich ergehen lassen mussten. Die Grundausbildung bietet seelisch gesehen, ein Bombardement aus Gefühlseindrücken und Erlebnissen. Viele erlebten zum ersten Mal, was es heißt, reiner Befehlsempfänger zu sein, also nur fremdbestimmt zu werden. Es wurde viel Sport getrieben, es wurde Formaldienst abgehalten und vor allem waren viele junge Männer zum ersten Mal weg von Zuhause – nicht selten weit weg.
Hinzu kam aber noch etwas ganz Besonderes: In einer normalen Grundausbildungseinheit diente immer der Querschnitt der Gesellschaft. Abiturienten, Realschüler, Hauptschüler und Schulabbrecher mussten in Stuben zusammenleben und kamen sich so zwangsläufig näher. Fast immer enstanden Kameradschaften. Ein Begriff, den nur Gediente kennen und schätzen lernten.
Auch auf die Sprache wurde viel wert gelegt. Der ein wenig scherzhaft gemeinte Auspruch "Denken, Drücken, Sprechen" kommt nicht von ungefähr. Ein richtiger Wehrpflichtiger quatschte im Ernstfall eben nicht lange herum, sondern kam auf den Punkt.
Auch wenn nicht alle an ihre physischen Belastungsgrenzen geführt werden konnten, kam jeder mindesten einmal an seine psychische. Wer Letztere einmal überschritten hatte, war von da an einfach dabei. Und plötzlich waren auch mehrtägige Biwaks und 30km-Märsche mit dem kompletten Marschgepäck kein Problem mehr. Vieles ist eben reine Kopfsache, eine Erfahrung, die im weiteren Leben goldwert ist.
Nach der Grundausbildung kam für viele leider auch noch eine oftmals frustrierende Zeit hinzu. Weil eine große Anzahl von Einheiten nicht wusste, was sie mit den Wehrpflichtigen anfangen sollten, hieß es recht häufig für die Soldaten "Antreten zum Abhängen." Für viele erlosch damit die in der Grundausbildung enstandene Flamme der Begeisterung für das Militär. Einige ließen sich dennoch nicht abhalten und wurden Zeit- und später Berufssoldaten.
Die Aussetzung der Wehrpflicht spart sicherlich viel Geld ein, sie birgt aber auch eine große Gefahr: Der Staat entzieht sich selbst den letzten Zugriff auf junge Menschen, die oftmals letzte Chance Menschen noch ein wenig zu prägen, die so häufig im eigenen Elternhaus und auch in der Schule keine Werte mehr vermittelt bekommen haben.
Gleichzeitig ist eine Ende der Wehrpflicht natürlich auch das Aus für den Zivildienst, auf den der vorherige Gedankengang analog angewendet werden kann.
Andererseits ist die Aussetzung aber auch ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit. Es war nämlich seit Einführung der Wehrpflicht nie nachvollziehbar, warum nur Männer und keine Frauen zum Dienst an der Waffe herangezogen worden sind. Zudem gab es schon seit längerer Zeit keine Wehrgerechtigkeit mehr. Von einigen Jahrgängen wurden gerade einmal noch 19 Prozent eingezogen, der Rest kam um die Pflicht herum.